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Die Tonnara di Marzamemi: tausend Jahre Geschichte zwischen Meer und Stein
Wie aus einem alten Thunfischhafen einer der faszinierendsten Orte im Südosten Siziliens wurde

Vor den Touristen, vor den Restaurants, noch bevor das Dorf überhaupt existierte, gab es den Thunfisch. Und Männer, die ihr gesamtes Leben um seinen Fang herum aufbauten. Genau das erzählt die Tonnara di Marzamemi. Die Geschichte eines Ortes, der eine Gemeinschaft entstehen ließ, sie über Jahrhunderte ernährte und sich dann neu erfand, als der Thunfisch nicht mehr kam.
Eine Bucht, ein paar Netze und ein Dorf, das entsteht
Alles beginnt um das Jahr 1000, als arabische Siedler die Südostküste Siziliens entlangfahren. Sie entdecken eine natürliche Bucht, gut vor den Winden geschützt und ideal gelegen auf der Route, die der Rote Thun jedes Jahr während seiner Wanderung nimmt.
Also lassen sie sich nieder und errichten ein ebenso einfaches wie geniales System: ein Labyrinth aus festen Netzen, am Meeresboden verankert, in das die Thunfische hineinschwimmen, ohne je wieder hinauszufinden. Das ist es, was man eine Tonnara nennt.
Der produktivste Hafen Ostsiziliens
Dieser kleine Fischerhafen wird rasch zum produktivsten in ganz Ostsizilien. Und um ihn herum bildet sich ganz von selbst eine Gemeinschaft. Fischerfamilien, Handwerker, Arbeiter. Alle verbunden mit dem Thunfisch, alle abhängig von der Tonnara.
Selbst der Name des Dorfes trägt diesen Ursprung noch in sich: Marzamemi leitet sich vermutlich vom arabischen marsà al-hamām ab, was so viel bedeutet wie "die Bucht der Turteltauben".
Die Blütezeit der Tonnara
Obwohl der Hafen seit der arabischen Zeit besteht, erlebt die Tonnara ihren eigentlichen Aufschwung erst im 18. Jahrhundert. Im Jahr 1752 investiert Fürst Nicolaci di Villadorata massiv in den Standort. Er lässt die Hafenanlagen erweitern, errichtet die Loggia degli Scieri, eine gewaltige Halle zur Unterbringung der großen Fischerboote, und baut einen ganzen Komplex rund um den Thunfischhandel auf.
In dieser Zeit beschäftigt die Tonnara ganzjährig rund vierzig Männer: Seeleute, Wächter und Kalfaterer, die für die Instandhaltung der Boote zuständig sind. Pro Saison werden durchschnittlich 2.000 Rote Thunfische gefangen, und das Jahr 1904 geht mit einem Rekord von über 4.300 Fängen in die Geschichte ein.
Die Mattanza: das Ritual, das den Takt vorgab
Doch jenseits der Zahlen war es vor allem die Mattanza, die das Leben am Hafen wirklich prägte. Das Wort bedeutet wörtlich "das Töten" und bezeichnet den Moment, in dem die in der letzten Netzkammer gefangenen Thunfische an die Oberfläche geholt wurden.
Der Rais, der Anführer der Fischer, leitete den gesamten Vorgang von seinem Boot aus, während die Tonnaroti jede Bewegung mit traditionellen Gesängen begleiteten. Es war zugleich brutal und feierlich, und das ganze Dorf kam ans Ufer, um zuzuschauen.
Dieses Ritual, das während der Fangwochen zweimal täglich wiederholt wurde, bestimmte den Rhythmus des gesamten Dorflebens. Die Arbeitstage, die Festtage, die Einkünfte des Jahres.
Das Ende einer Welt
Dann kam die Industrialisierung. Motorboote, Trawler und moderne Techniken machten die traditionellen Tonnare nach und nach überflüssig. Dutzende Männer, kilometerlange Netze und Holzboote zu unterhalten wurde von Jahr zu Jahr teurer, während die Fänge immer geringer ausfielen.
Ein langsamer Niedergang
In Marzamemi setzt der Niedergang bereits in den 1920er Jahren ein. Die Konservenfabrik, in der der Thunfisch vor Ort verarbeitet wurde, schließt 1926. Dann beschädigt 1943 ein britischer Bombenangriff Teile der Hafenanlagen.
Nach dem Krieg wird der Betrieb trotz allem wieder aufgenommen, denn in diesem noch bitterarmen Sizilien bleibt die Tonnara eine der wenigen Einkommensquellen für die Familien des Dorfes. Doch die Atempause hält nicht lange an. Ende der 1960er Jahre werden die Netze zum letzten Mal eingeholt. Nach fast tausend Jahren Betrieb verstummt der Fischerhafen.
Ein zweites Leben
Das Bemerkenswerte ist, dass die Tonnara nicht dem Verfall überlassen wurde. Im Laufe der Jahre wurden ihre Gebäude restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt, wobei die ursprüngliche Struktur erhalten blieb.
Der Palazzo Villadorata
Der ehemalige Palast des Fürsten, einst Schaltzentrale des gesamten Fischereibetriebs, beherbergt heute kulturelle Veranstaltungen in seinem großen Innenhof. Seine Terrasse, von der aus einst die Arbeit der Fischer überwacht wurde, blickt noch immer auf den Hafen und das Meer.
Die Loggia degli Scieri
Dies ist wohl die eindrucksvollste Verwandlung. Diese rohe, 750 m² große Halle, die einzig und allein dazu gebaut wurde, Fischerboote unterzustellen, ist heute ein Ort für Ausstellungen, Konzerte und Festivals. Einige der Originalboote stehen übrigens noch immer darin, als stille Erinnerung daran, wofür dieser Raum bis vor gar nicht so langer Zeit gedient hat.
Ein lebendiger Ort, das ganze Jahr über
Jeden Sommer erwacht die Tonnara durch Veranstaltungen wie das Filmfestival von Marzamemi, das Festival Artieri für Kunsthandwerk und Kunst oder Kreativmärkte, die die alten Arbeitsräume bespielen, zu neuem Leben.
Und das ganze Jahr über dienen der Palazzo und die Loggia auch als Kulisse für Hochzeiten. Man versteht sofort warum: der goldene Stein, der Hafen direkt darunter, das Licht des späten Nachmittags über dem Meer. Einen authentischeren Rahmen für einen solchen Anlass kann man sich kaum vorstellen.
Die Mauern haben sich nicht verändert. Was in ihrem Inneren geschieht, schon.
Tausend Jahre, und noch immer da
Die Tonnara di Marzamemi ist kein Relikt hinter Glas. Sie ist ein Ort, der tausend Jahre Geschichte durchquert hat, indem er sich in jeder Epoche neu erfunden hat. Er hat erlebt, wie die Araber die ersten Netze auswarfen, ein Fürst ein Imperium rund um den Roten Thun aufbaute, Generationen von Fischern ihr Leben hier verbrachten und dann die Stille einkehrte, als das Meer nicht mehr genügte.
Und doch ist er noch da. Verwandelt, lebendig, in der Gegenwart ebenso verwurzelt wie in seiner Vergangenheit.

